In Berlin wird gerade eifrig über das “BMW Guggenheim Lab” gestritten. 9 Städte in 6 Jahren nehmen an dieser Kampagne rund um das Thema Stadtumstrukturierung teil.
“The theme of the Lab’s first two-year cycle is Confronting Comfort—exploring notions of individual and collective comfort and the urgent need for environmental and social responsibility.”
Es geht also um Aufwertung und soziale Konflikte. Es ist ein Labor zum kapitalistischen Phänomen der Gentrifizierung. Berlin und das Lab haben gerade das selbe Thema. Und kollektive Interessen und individueller Komfort sorgen für einen Konflikt, dessen Auswirkungen für die Bewohnerinnen dieser Stadt bislang in ihrer Gänze kaum überschaubar sind. Aber die Richtung ist klar, und das Tempo der gesamten Entwicklung hoch: Die Mieten steigen, der Anteil an Gewerberäumlichkeiten ist seit 1990 extrem gestiegen, Wohnraum, der im begehrten Berlin seit längerem knapp ist, wurde kaum gebaut – und wenn nur von privaten Investoren. 80 % des Neubaus sind Eigentumswohungen in der Innenstadt. Und die Preise steigen.

Mit oder ohne Lab - das ist hier die Frage.
Auch für den mietbaren Wohnraum. Die Knappheit sorgt für wucherartige Preise, die im Prinzip nur durch die hiesigen Mietgesetze etwas in Bann gehalten werden. Die Rot-Rote Koalition, die bis zum Herbst 2011 zehn Jahre lang regierte, konzentrierte sich mit ihrer populären Gallionsfigur Wowereit lieber um das weltstädtische Image, Champagner-Sausen, Investoren-Marketing und hat die soziale Problematik des Berlin-Hypes entweder verschlafen oder bewusst in Kauf genommen. Und nebenbei auch über 100 000 Wohnungen privatisiert, und den sozialen Wohungsbau nicht fortgeführt.
Gentrifzierung folgt kapitalistischer Logik – und so hat es Prenzlauer Berg (gilt als komplett durchgentrifiziert) erlebt: Die alternative und kreative Szene der Anfang 90er wirkte wie ein Magnet. Investoren kauften Häuser, modernisierten, erhöhten daraufhin die Mieten, die Nachfrage stieg weiter. Prenzlauer Berg als Bezirk mit proletarisch-künstlerischer Tradtion stand innerhalb von etwa zehn Jahren ein Bewohnerwechsel ins Haus. Heute leben noch 5 % der Bevölkerung von 1990 im hippen Kiez zwischen Kastanienallee und Kollwitzplatz.
Auf bezirklicher Ebene intervenierte man in den verschiedenen Teilen von Berlin immer wieder – doch vergebens. Die große Linie und vor allem der Prozess ließ sich natürlich nicht aufhalten, nur an der einen oder anderen Stelle durch Maßnahmen wie dem Milieuschutz entschleunigen.
Doch schnell ging es dennoch. Was Prenzlauer Berg und Mitte hinter sich haben, erleben Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln gerade in vollen Zügen. Die Mieten sind für einfache Einkommen, Erwerbslose, Studentinnen und Auszubildene, Schülerinnen u.v.a. nicht mehr ohne weiteres bezahlbar.
Und stadtweit außer in den Außenbezirken steigt der Mietspiegel. Kreuzberg ist dabei das Pflaster mit der höchsten Steigerung und mittlerweile so teuer wie das alte, schicke, luxussanierte Charlottenburg.
Stadtplanung ist an den Universitäten ein großes Thema – nicht erst seit der Gentrifizierung in Berlin. Stadt als Lebensraum der Dienstleistungsgesellschaft, in einer Welt der Mega-Cities ist ein modernes Forschungsfeld. Und die Beobachtung und die Nennung eines Phänomens wie Gentrifizierung ging teilweise mit deren ersten Auswirkungen in New York und London einher.
Heute ist dieses Feld gut erforscht. In Deutschland ist der Soziologe Andrej Holm mit seiner Feststellung einer der Vorreiter:
“Gentrifizierung, die Inwertsetzung bisher preiswerter Wohnviertel, hat sich zu einem ständigen Begleiter städtischer Veränderungen entwickelt und steht für die neoliberale Version kapitalistischer Urbanisierung. Sanierte Häuser und neue Gewerbenutzungen stehen nicht nur für einen Wandel der Stadt, sondern vor allem für steigende Wohnkosten, die Verdrängung ökonomisch Benachteiligter und die Durchsetzung neuer Sozialstrukturen in den betroffenen Quartieren.”
Ganz einfach: Wer sich die Miete nicht leisten kann, macht Platz für jemanden mit mehr Geld. Und das hat Auswirkungen auf die Strukturen und sogar den Anziehungsfaktor.
Kreuzberg & Co. haben ihr Image durch eine alternative, subkulturelle und teilweise unkommerzielle Kultur- und Clubszene. Kreuzberg 36 (zwischen Kotti und Schlesisches Tor) wurde mit seiner alten Bausubstanz durch die Hausbesetzungen der 70e rund 80er Jahre gerettet. Überall wo Häuser besetzt wurden, werden heute Dachgeschosse zu Eigentumswohnungen ausgebaut. Autonome Besetzer als Wegbereiter für die Aufwertung. Was für eine Ironie.
In den Kiezen Berlins arbeiten fast flächendeckend Anwohnerinnen- und Mieterinneninitiativen, im letzten Jahr gab es einen Protestzug durch die betroffenenden Kieze mit mehrer 10 000 Teilnehmerinnen, und seit Jahren wurden Autos nobler Marken in Brand gesetzt – wohl um eine Abschreckung vermeintlicher Investoren und “Yuppies” zu erzielen. Vielfach bleibt aber die Ohnmacht meisten. Man wird wohl weichen müssen, da hilft auch kein brennender BMW.
Alternative Projekte in der Innenstadt werden Stück für Stück verdrängt – weil man nicht freiwillig geht, werden sie geräumt. Allein 2012 stehen das “Tachles”, die “Linie 206″ und der “Schokoladen” in Mitte vor der Räumung. International bekannt und Imageträger für das arty Berlin.
An der Cuvrystraße gibt es eine beliebte Freifläche. Im Sommer – obwohl eingezäunt – sitzen viele aus dem Kiez und anderswo dort an der Spree – viele andere Möglichkeiten gibt es übrigens nicht mehr. Am 24.Mai wollte nun BMW Guggenheim ihr weißes Pavillion-Lab eröffnen. Mit einem Empfgang, Gast des Abends: Klaus Wowereit.
Als die Anwohner von dem Projekt informiert wurden (die Kampagne stellte sich vor) waren viele Engagierte beunruhigt und empört. Das Projekt lädt zwar jeden ein, aber nicht ausdrücklich, bzw. bleibt die Form der Teilnahme unklar. Ob alle Veranstaltungen öffentlich sind, ist auch nicht geklärt. Ein Wachschutz war fest eingeplant.
Das Lab sollte kein Kiezforum werden. BMW als großer Konzern vertritt bestimmte Interessen und die drehen sich in erster Linie um BMW.
Projekte und Initiativen bis zur radikalen Linken kündigten nun vor etwa zwei Wochen Protest an – auch militanten. Auf indymedia erschien folgender Aufruf.
Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) entwickelte daraufhin (wohl im Auftrag von BMW-Guggenheim) eine Gefahrenanalyse, eine Einschätzung nach Staatsschutz-Recherchen im Internet und Erfahrungswerten. Das LKA stellte eine Gefährdung wegen zu erwartender Sachschäden fest, und riet zu Wachschutz 24/7.
Daraufin die Absage an den Standort.
Und ein Aufschrei im Senat. “Chaoten verbauen die Chancen der Stadt” (Innensenator Henkel) und Wowereit fürchtet irreperable Imageschäden. Was folgte: eine Anbiederung an BMW Guggenheim und Wowereit machte die Angelegenheit zur Chefsache. Er versprach Sicherheit auch in Kreuzberg, was natürlich so nicht zuversichern sein kann – Kreuzberg hat eine breite linke Szene.
In jedem Fall suchen die Initiatoren einen neuen Standort.Wohl in Berlin – das will zumindest Berlin.
Und schuldig am “Desaster” sind “Chaotinnen” oder wahlweise “Anwohnerinnen”, die “rekationär” oder gar “feindselig” sein sollen.
Fakt ist engagierte Kreuzberger haben nichts gegen einen offenen Ort, das haben alle Initiativen klar gemacht. Nur sollte der Ort auch wirklich offen, frei und unkommerziell sein. BMW als Luxusmarke steht natürlich mit solch einem Projekt als Vorreiter für die so oder so kommende Aufwertung in dem Kiez – das macht vielen Angst. Und als Luxusmarke hat man wenig Vertrauen in einer sozial benachteiligten Community wie in Kreuzberg, wenn es um die Lösung sozialer Probleme geht. Denn am Ende müssen sie ihren Kiez verlassen. Und das wird dann kein öffentlicher Skandal wie jetzt, sondern als “normale” Entwicklung kleingerdet oder gar nicht beachtet. Mieter haben eben keine gute Lobby.
Wer also wie Wowereit & Co. argumentiert und diese Wohnungspolitik macht, hat wohl nicht verstanden, welche Tragweite und Konsequenz das Thema Umstruktierung hat.
Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper schrieb in seinem Kommentar vom 23.März 2012:
“Es ist eine Frage von Metern. Hier sitzt man schön im Restaurant am Wasser, bei Wiener Schnitzel und grünem Veltliner, dort lagert man, bei Flaschenbier und Mitgebrachtem, auf einer heimeligen Brache an der Spree. Dazwischen brutzeln im Verkehrsgetöse, unter der Bahnbrücke, die Burger, und vom Club her wummern die Bässe. So ist das in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke, im alten, ewig jungen SO 36. (…) Dieses idyllische Biotop scheint bedroht. Für einige Kreuzbergritter und -retter heißt der Feind BMW/Guggenheim, also Kunst im Verbund mit Kapital, während der Berliner Innensenator sofort „Chaoten“ am Werk sieht(…)Der Ruf Berlins als weltoffene, experimentierfreudige Metropole hat gelitten. Es tut weh. Es trifft alle.”
Und weiter:
“Es gibt auch Menschen in Berlin, die weder kreativ sein können noch wollen, die ein Lab für Gelaber halten. Aber Berlin ohne kulturelles, wissenschaftliches Potenzial, ohne verrückte Ideen, ohne Träumer und Visionäre, das wird nicht gut gehen. Das hat keine Tradition. Deshalb schmerzt die Guggenheim-Kreuzberg-Affäre: Weil die Stadt sich von einer hässlichen, feindseligen Seite zeigt. Penthouse und Tiefgarage sind noch keine Zukunft. Aber die liegt auch nicht auf zugemüllten Freiflächen und in kaputten Altbauten. Darüber muss man reden. So ein Lab ist nur ein Anfang.”
Da bleibt die Frage, in welcher Stadt Rüdiger Schaper lebt, oder ob es dann doch gleich eine ganze Flasche Grüner Veltliner wurde:
Aufwertung und Kommerzialisierung (und Kultursponsoring von Unternehmen ist kommerziellen Ursprungs) macht Berlin zu einem traurigen Ort aus Glasbauten und Parkhäusern, betonierten Ufern und Kiezen, die ihre Kraft verlieren, weil sie ihre Bewohnerinnen und Strukturen wie die subkulturelle Szene verloren haben. Kritische und wütende Anwohnerinnen sind nicht das Übel – vielleicht schädigen sie dem Standort-Image. Vielleicht will man das ja auch genau, um eine Entwicklung, an deren Ende die Verdrängung steht, zu verhindern.
Bald ist die Subkultur marginalisiert – gefördert wird sie schon lange nicht mehr wirklich, weil man sparen muss, und Investoren wollten Geld verdienen und nicht Kulturarbeit leisten.
Das raue Klima weht nicht aus der Richtung Kreuzberger Chaotinnen. Und auch ohne Lab und Champagner-Fete kann man und sollte man über Umstrukturierung diskutieren. Berlin ist ja gerade dabei.
Nur bleibt wenig Hoffnung, wenn Politik und bürgerliche Medien die wahren Probleme verkennen und glauben der Berlin-Boom und die optischen Veränderungen seien einfach nur toll, und wer nicht jubelt, ist reaktionär und gegen alles Neue.
Nur im Kapitalismus hat alles seinen Preis.Und meistens ist der zu hoch.
weiteres zum Thema:
*Die Berliner Zeitung hat einen recht objektiven Artikel für einen Überblick
*Zum empfehlen ist: Andrej Holm: “Wir bleiben alle! Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung” (unrast-Verlag, 2010)