Wir haben euch was mitgebracht: Grass, Grass, Grass!

Heute veröffentlichte Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung und der italienischen La Repubblica ein Gedicht mit dem Titel “Was gesagt werden muss”. Die neun Strophen folgen keinem Reimschema. Literarisch gesehen ist es keine “Schönheit” und für das, was Grass erreichen will, ist die lyrische Form wohl falsch gewählt. Wäre doch ein Essay oder Kommentar sinnvoller – doch würde diese Form, den eigentlichen Skandal des Inhalts bloßstellen – Grass müsste argumentieren. Und das konnte er noch nie gut.

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BMW & Quandts: Heute schon entschädigt?

Nachdem Kreuzberg wegen schlechter Führung das BMW-Lab erspart bleibt – richtet wohl jetzt das Gentrifzierungs-Großraum-Lab Prenzlauer Berg die Spiele aus. Wohl auf dem Gelände des Pfefferbergs.

Auch da formiert sich Protest.

Neben der Aufwertung, die so ein Hochglanz-Lab mit sich bringt,  oder die Frage, ob das Projekt die richtige Form für eine ernsthafte Diskussion darstellt und ob Kultur sich von Konzernen sponsoren lassen sollte – bleibt eines, was ich nochmal deutlich machen will:

BMW gehört mehrheitlich zur Quandt-Familie. Und die schwerreiche Industriellenfamilie hat ihr Vermögen zum großen Teil in der Nazizeit gemacht, mit diesem Geld konnte die Familie erst BMW-Anteile erwerben. Profit durch Zwangsarbeit und Rüstungsdeals mit Nazi-Deutschland. Bei der viel zu späten und nicht ernsthaft verfolgten Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen waren die Quandt-Konzerne nicht dabei. Juristische Folgen hatten die Quandts im Nachfolgestaat BRD nicht zu fürchten.

Erst nach 2007 hat sich diese Familie überhaupt zu ihrer Geschichte bekannt bzw. wurde geoutet – in  der sehenswerten ARD-Doku “Das Schweigen der Quandts” und durch akribische Forschung und viele gesammelte Zeugenaussagen.

Jetzt will man in der Bad Homburger Quandt-Zentrale selbst aufarbeiten lassen. Wenigstens für das Image. Zweifel am wirklichen Wille sind berechtigt.

Wenn BMW die soziale Note des Konzernes ernst meinen würde, wäre vielleicht mal ein Lab zur eigenen Geschichte in München oder Bad Homburg gebaut worden – und man hätte den Zwangsarbeiterinnen eine Möglichkeit gegeben sich zu artikulieren. Und vor allem hätte man anstandslos gezahlt.

Aber selbst ihrer gesellschaftlichen Pflicht kommen weder BMW noch Quandt nach. Das Thema schadet ja auch dem Image.

Deutscher Rap: Wie wäre es mit Büchern statt Bitches?

Harris von Aggro-Berlin hat spätestens mit “Nur ein Augenblick” gezeigt, wo er politisch einzuordnen ist, und das deutscher Rap oftmals mehr deutsch als Rap ist, und vor allem eines reproduziert: den Status Quo.

Im Deutschland-Taumel ist ja auch schon Fler gewesen. Aber auch außerhalb von Aggro Berlin scheint geistige Armut verbreitet zu sein: Ex-Aggro-Bushido nahm erst auf öffentlichen Druck einen Track mit der Liedzeile  “Ihr Tunten werdet vergast” von der Platte.  Und 2010 gab es dann die Wiedervereinigung mit Fler mit choraler Hilfe von “Die Prinzen” – gemein ist ihnen die Einigkeit im Recht auf Dummheit.

Aber es gibt ja auch Gutes. Koljah kritisiert in seinen Texten vor allem den Rap, seine musikalischen Wurzeln. Mittlerweile widmet er sich der elektronischen Musik.

Zu Homophobie, Antisemitismus, Nationalimus und Sexismus hat er seinen Standpunkt in “Danke Nein” (siehe Video) sehr deutlich gerappt.

Logbuch # 2: Same same but inefficient

Nach dem Schlafen müder als vorher, ein Sammelsurium an Ideen, das ich zu ordnen versuche, die wieder entdeckte Liebe zu Coke-Dosen , die Frage, ob ich meine Winterjacke anziehen sollte, Kämpfe mit der wordpress-Technik und in der Folge wiederholtes Schreiben des Piraten-Textes, generelle Ermüdungserscheinungen und Menschenscheu, das immer Wiederholte nervt, das soziale Leben ist gerade beschränkt, das Ausgehen macht keine Freude mehr, draußen ist es wieder Grau, und die Blume, deren Namen ich mir nicht merken kann, welkt, obwohl ich sie gegossen habe. Auch nicht zu viel. Ich versuche mich im Maßhalten.

Piraten: Fluch der Republik

Christian Lindner (Insolvenzverwalter der NRW-FDP und Spitzenkandidat für die dortige Landtagswahl) hat Recht: Die Piratenpartei ist nicht ernst zu nehmen. Das ist das erste und einzige Mal, dass ich diesen Satz in Bezug auf Lindner schreiben werde.  Aber Lindner denkt zu kurz: Auch ihre Wählerinnen sind nicht wirklich ernst zu nehmen. Über die “Piratenpartei” und das große Nichts. Eine Polemik

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Deichkind: DJ Phono im Interview “Wider der Ordnung!”

“Deichkind” sind gerade mit ihrem neuen Album “Befehl von ganz unten” auf Tour – gestern und heute Abend spielte das Hamburger Projekt in Berlin.

Aus diesem Anlass: Ein Gespräch über Hedonismus & Deichkind mit DJ Phono, der sich um die Konzeption und Realisierung der Bühnenshow kümmert. Seit Jahren ist er beim Projekt “Deichkind” dabei – auch auf der Bühne als Tour-DJ.

Deichkind gilt als hedonistisches Projekt, das immer wieder Politisches miteinfließen lässt. Bei welchen Themen versteht ihr keinen Spaß?

Ich sehe Deichkind nicht ausschließlich als hedonistisches Projekt. Dies ist eine Facette der Außenwahrnehmung, aber erfasst Deichkind in seiner komplexen und teilweise diffusen Struktur nur sehr vage.

Unsere Allianz forscht in mehreren Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten teilweise mit unterschiedlichen Kommunikationsstrategien. die eindeutige Positionierung ist da nicht immer einfach auszumachen und/oder von uns auch nicht immer erwünscht bzw. vielleicht auch gar nicht möglich. Doch gegen Rassismus, Sexismus und Faschismus haben wir uns aber immer wieder engagiert und um Eindeutigkeit bemüht.

Eure Texte sind natürlich schnell im Bereich der “Spaßgesellschaft” zu verorten – stört euch die Schublade? In welche würdet ihr euch denn packen ?

Kein Mensch passt in eine Schublade und 5-17 menschen schon mal gar nicht. Die Mauern dieser Welt sind aus Schubladenschränken gebaut. Somit arbeiten wir u.a. an der Aufweichung unserer wahrnehmbaren Grenzen wider dem Ordnungs- und Sortierbedürnis vieler Menschen.

 Ist Hedonismus nur Attitüde und ein wirklicher Weg für sich die Verhältnisse zu negieren – vereinfacht formuliert; “Saufen gegen das System”?

Ich bin zur Zeit in Bezug auf ” das große Ganze” oder “das System” nicht an Vereinfachung interessiert, sondern bemühe mich um die ständige Erhöhung der Komplexität. Dabei forsche ich zur Zeit an einem Modell zur Wirklichkeitsbeschreibung/Annäherung. Dazu verwende ich möglichst viele Teilaspekte verschiedener manchmal sogar widersprüchlicher oder entgegengesetzter untergeordneter Modelle, wie zum Beispiel dem Hedonismus.

Die Isolierung dieser Teilaspekte scheint manchmal verführerisch einfach, ich fürchte nur, dass sie (je nach Zielsetzung natürlich) aber in einer Sackgasse münden.

Wenn heute Bundestagswahl wäre, dann würden wir….

Auf das Beste hoffen und mit dem Schlimmsten rechnen.

DJ Phono

Deichkind

Logbuch #1: Wach mal auf!

Die Sonne scheint. Die ganze Zeit habe ich mich auf den Frühling gefreut und bis zu den ersten Sonnenstrahlen mich in den Winterschlaf zurückgezogen. Nur jetzt fällt das Aufwachen schwer.

Etwas müde und verspannt um ausm Bett, Multivitaminsaft statt Milch in den Tee gekippt, die Zigaretten schmecken nicht.

Seit drei Stunden denke ich darüber nach rauszugehen.

Etwas überfordert und verwirrt. Schönen Samstag!

Joachim Gauck: Die Freiheit nehm’ ich mir!

Gauck ist in kürzester Zeit jemand geworden, der irgendwie nervt. Gauck hier, Gauck da. Auch ich schreibe jetzt über den.

Aber ich kann nicht von ihm lassen. Somit schaute ich mir Freitagfrüh auch die Vereidigung vor Bundestag und Bundesrat an. Joachim Gauck wurde nun endlich Präsident – ein Mann am Ziel.

Er ist sicherlich angenehm in der Tonation: Die sonore Predigt-Stimmlage ließ mich kaum wach werden. Und die Inhalte störten mich auch kaum noch. Tausendmal gehört, tausend Mal ist nichts passiert.

Nun, vieles regt mich dennoch an Gauck auf: Die Totalitarismustheorie kritisiere ich, seine Haltung zu Islam, Integration und Sarrazin befremden mich, und das ewige Herbeibeschwören eines “Wir”-Gefühls finde ich erschreckend bis lächerlich (“wir spielen auch noch ganz gut Fußball”)

Gauck verteidigt die BRD-Demokratie samt sozialer Marktwirtschaft und appelliert an jeden sich für den Standort D stark zu machen.

Neben sehr vielen rechtspopulären und konservativen Forderungen ärgern mich genau drei Dinge:

- seine Freiheit beginnt 1989 – doch es gibt kein Ende der Geschichte, und eine Verkürzung auf die Berliner Republik ist alles andere als verantwortungsbewusst. Wenn begann die Freiheit am 8.Mai 1945.

- sein Freiheitsbegriff ist zu eingeschränkt.

- Patriotismus und nationale Identitäten sind für mich nicht Lösung, sondern eher Problem. In jedem Fall etwas für die Mottenkiste in einer wirklich freien Gesellschaft.

Das Freiheit etwas Wunderbares ist, muss mir keiner sagen. Ich denke keiner verbindet damit etwas Schlechtes. Aber mit Freiheit das System aus Kapitalismus, Nationalstaaten und Religionen zu meinen und für ideal zu befinden, ist reaktionär und nicht anständig.

Grenzen, Abschiebungen, Lohnarbeit, die Ausbeutung vieler Menschen, Kriege, die religiösen Moralgesetze etc. sind beschissener Normalzustand – aber in jedem Fall nicht die Freiheit. Eher eine Frechheit.

Schon bei der Bundesversammlung und auch am Freitag wieder lieferte Gauck,  die immerselben Platitüden -  Bekenntnisse zu Gerechtigkeit, Freiheit, Chancengleicheit und dann noch etwas gegen Rechts.

Worte sind wichtig. Doch ohne Inhalte und Forderungen sind das alles nur leeren Phrasen.

Aber Deutschland jubelt und man hat ja fast das Gefühl, das Land ist dank Gauck erettet und Gott gleich mit.  Aber, liebes Deutschland, braucht ihr wirklich jemanden der Euch sagt, dass Gerechtigkeit in einer Gesellschaft wichtig, Freiheit ein hohes Gut und dass alle dieselben Chancen haben sollen. Worthülsen im Sonntagssound.

Mich hat der Bundespräsident noch nie wirklich interessiert, jetzt aber nervt mich jemand, der mit seiner Selbstherrlichkeit und dem Platitüden-Allerlei hausieren geht – und alle drehen durch. Die Reaktion vieler lässt am Verstand zweifeln.

Und jetzt versuche ich Gauck wieder zu vergessen. Und hoffe, dass Deutschland einmal durchatmet, und dann vielleicht mal nachdenkt. Oder sich still beschäftigt.

Alles weitere steht hier auf der Seite der Jungle World.

Was ich mag: Elektronisches zur Freitagnacht.

“Die Vögel” mit “Blaue Moschee”. Hinter dem Projekt stehen die Hamburger Musiker Mense Reents (Die goldenen Zitronen, Egoexpress) und Jakobus Siebels (JaKönigJa). Erschienen ist die Single im Label von DJ Koze Pampa Records.

Gentrifizierung: Und schuld daran war nur der Lab-Dance!?

In Berlin wird gerade eifrig über das “BMW Guggenheim Lab” gestritten. 9 Städte in 6 Jahren nehmen an dieser Kampagne rund um das Thema Stadtumstrukturierung teil.

“The theme of the Lab’s first two-year cycle is Confronting Comfort—exploring notions of individual and collective comfort and the urgent need for environmental and social responsibility.”

Es geht also um Aufwertung und soziale Konflikte. Es ist ein Labor zum kapitalistischen Phänomen der Gentrifizierung. Berlin und das Lab haben gerade das selbe Thema.  Und kollektive Interessen und individueller Komfort sorgen für einen Konflikt, dessen Auswirkungen für die Bewohnerinnen dieser Stadt bislang in ihrer Gänze kaum überschaubar sind. Aber die Richtung ist klar, und das Tempo der gesamten Entwicklung hoch: Die Mieten steigen, der Anteil an Gewerberäumlichkeiten ist seit 1990 extrem gestiegen, Wohnraum, der im begehrten Berlin seit längerem knapp ist, wurde kaum gebaut – und wenn nur von privaten Investoren. 80 % des Neubaus sind Eigentumswohungen in der Innenstadt. Und die Preise steigen.

Mit oder ohne Lab - das ist hier die Frage.

Auch für den mietbaren Wohnraum. Die Knappheit sorgt für wucherartige Preise, die im Prinzip nur durch die hiesigen Mietgesetze etwas in Bann gehalten werden. Die Rot-Rote Koalition, die bis zum Herbst 2011 zehn Jahre lang regierte, konzentrierte sich mit ihrer populären Gallionsfigur Wowereit lieber um das weltstädtische Image, Champagner-Sausen, Investoren-Marketing und hat die soziale Problematik des Berlin-Hypes entweder verschlafen oder bewusst in Kauf genommen. Und nebenbei auch über 100 000 Wohnungen privatisiert, und den sozialen Wohungsbau nicht fortgeführt.

Gentrifzierung folgt kapitalistischer Logik – und so hat es Prenzlauer Berg (gilt als komplett durchgentrifiziert) erlebt: Die alternative und kreative Szene der Anfang 90er wirkte wie ein Magnet. Investoren kauften Häuser, modernisierten, erhöhten daraufhin die Mieten, die Nachfrage stieg weiter. Prenzlauer Berg als Bezirk mit proletarisch-künstlerischer Tradtion stand innerhalb von etwa zehn Jahren ein Bewohnerwechsel ins Haus. Heute leben noch 5 % der Bevölkerung von 1990 im hippen Kiez zwischen Kastanienallee und Kollwitzplatz.

Auf bezirklicher Ebene intervenierte man in den verschiedenen Teilen von Berlin immer wieder – doch vergebens. Die große Linie und vor allem der Prozess ließ sich natürlich nicht aufhalten, nur an der einen oder anderen Stelle durch Maßnahmen wie dem Milieuschutz entschleunigen.

Doch schnell ging es dennoch. Was Prenzlauer Berg und Mitte hinter sich haben, erleben Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln gerade in vollen Zügen. Die Mieten sind für einfache Einkommen, Erwerbslose, Studentinnen und Auszubildene, Schülerinnen u.v.a. nicht mehr ohne weiteres bezahlbar.

Und stadtweit außer in den Außenbezirken steigt der Mietspiegel. Kreuzberg ist dabei das Pflaster mit der höchsten Steigerung und mittlerweile so teuer wie das alte, schicke, luxussanierte Charlottenburg.

Stadtplanung ist an den Universitäten ein großes Thema – nicht erst seit der Gentrifizierung in Berlin. Stadt als Lebensraum der Dienstleistungsgesellschaft, in einer Welt der Mega-Cities ist ein modernes Forschungsfeld. Und die Beobachtung und die Nennung eines Phänomens wie Gentrifizierung ging teilweise mit deren ersten Auswirkungen in New York und London einher.

Heute ist dieses Feld gut erforscht. In Deutschland ist der Soziologe Andrej Holm mit seiner Feststellung einer der Vorreiter:

“Gentrifizierung, die Inwertsetzung bisher preiswerter Wohnviertel, hat sich zu einem ständigen Begleiter städtischer Veränderungen entwickelt und steht für die neoliberale Version kapitalistischer Urbanisierung. Sanierte Häuser und neue Gewerbenutzungen stehen nicht nur für einen Wandel der Stadt, sondern vor allem für steigende Wohnkosten, die Verdrängung ökonomisch Benachteiligter und die Durchsetzung neuer Sozialstrukturen in den betroffenen Quartieren.”

Ganz einfach: Wer sich die Miete nicht leisten kann, macht Platz für jemanden mit mehr Geld.  Und das hat Auswirkungen auf die Strukturen und sogar den Anziehungsfaktor.

Kreuzberg & Co. haben ihr Image durch eine alternative, subkulturelle und teilweise unkommerzielle Kultur- und Clubszene. Kreuzberg 36 (zwischen Kotti und Schlesisches Tor) wurde mit seiner alten Bausubstanz durch die Hausbesetzungen der 70e rund 80er Jahre gerettet. Überall wo Häuser besetzt wurden, werden heute Dachgeschosse zu Eigentumswohnungen ausgebaut. Autonome Besetzer als Wegbereiter für die Aufwertung. Was für eine Ironie.

In den Kiezen Berlins arbeiten fast flächendeckend Anwohnerinnen- und Mieterinneninitiativen, im letzten Jahr gab es einen Protestzug durch die betroffenenden Kieze mit mehrer 10 000 Teilnehmerinnen, und seit Jahren wurden Autos nobler Marken in Brand gesetzt – wohl um eine Abschreckung vermeintlicher Investoren und “Yuppies” zu erzielen. Vielfach bleibt aber die Ohnmacht meisten. Man wird wohl weichen müssen, da hilft auch kein brennender BMW.

Alternative Projekte in der Innenstadt werden Stück für Stück verdrängt – weil man nicht freiwillig geht, werden sie geräumt. Allein 2012 stehen das “Tachles”, die “Linie 206″ und der “Schokoladen” in Mitte vor der Räumung. International bekannt und Imageträger für das arty Berlin.

An der Cuvrystraße gibt es eine beliebte Freifläche. Im Sommer – obwohl eingezäunt – sitzen viele aus dem Kiez und anderswo dort an der Spree – viele andere Möglichkeiten gibt es übrigens nicht mehr. Am 24.Mai wollte nun BMW Guggenheim ihr weißes Pavillion-Lab eröffnen. Mit einem Empfgang, Gast des Abends: Klaus Wowereit.

Als die Anwohner von dem Projekt informiert wurden (die Kampagne stellte sich vor) waren viele Engagierte beunruhigt und empört. Das Projekt lädt zwar jeden ein, aber nicht ausdrücklich, bzw. bleibt die Form der Teilnahme unklar. Ob alle Veranstaltungen öffentlich sind, ist auch nicht geklärt. Ein Wachschutz war fest eingeplant.

Das Lab sollte kein Kiezforum werden. BMW als großer Konzern vertritt bestimmte Interessen und die drehen sich in erster Linie um BMW.

Projekte und Initiativen bis zur radikalen Linken kündigten nun vor etwa zwei Wochen Protest an – auch militanten.  Auf indymedia erschien folgender Aufruf.

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) entwickelte daraufhin (wohl im Auftrag von BMW-Guggenheim) eine Gefahrenanalyse, eine Einschätzung nach Staatsschutz-Recherchen im Internet und Erfahrungswerten. Das LKA stellte eine Gefährdung wegen zu erwartender Sachschäden fest, und riet zu Wachschutz 24/7.

Daraufin die Absage an den Standort.

Und ein Aufschrei im Senat. “Chaoten verbauen die Chancen der Stadt” (Innensenator Henkel) und Wowereit fürchtet irreperable Imageschäden. Was folgte: eine Anbiederung an BMW Guggenheim und Wowereit machte die Angelegenheit zur Chefsache. Er versprach Sicherheit auch in Kreuzberg, was natürlich so nicht zuversichern sein kann – Kreuzberg hat eine breite linke Szene.

In jedem Fall suchen die Initiatoren einen neuen Standort.Wohl in Berlin – das will zumindest Berlin.

Und schuldig am “Desaster” sind “Chaotinnen” oder wahlweise “Anwohnerinnen”, die “rekationär” oder gar “feindselig” sein sollen.

Fakt ist engagierte Kreuzberger haben nichts gegen einen offenen Ort, das haben alle Initiativen klar gemacht. Nur sollte der Ort auch wirklich offen, frei und unkommerziell sein. BMW als Luxusmarke steht natürlich mit solch einem Projekt als Vorreiter für die so oder so kommende Aufwertung in dem Kiez – das macht vielen Angst. Und als Luxusmarke hat man wenig Vertrauen in einer sozial benachteiligten Community wie in Kreuzberg, wenn es um die Lösung sozialer Probleme geht. Denn am Ende müssen sie ihren Kiez verlassen. Und das wird dann kein öffentlicher Skandal wie jetzt, sondern als “normale” Entwicklung kleingerdet oder gar nicht beachtet. Mieter haben eben keine gute Lobby.

Wer also wie Wowereit & Co. argumentiert und diese Wohnungspolitik macht, hat wohl nicht verstanden, welche Tragweite und Konsequenz das Thema Umstruktierung hat.

Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper schrieb in seinem Kommentar vom 23.März 2012:

“Es ist eine Frage von Metern. Hier sitzt man schön im Restaurant am Wasser, bei Wiener Schnitzel und grünem Veltliner, dort lagert man, bei Flaschenbier und Mitgebrachtem, auf einer heimeligen Brache an der Spree. Dazwischen brutzeln im Verkehrsgetöse, unter der Bahnbrücke, die Burger, und vom Club her wummern die Bässe. So ist das in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke, im alten, ewig jungen SO 36. (…) Dieses idyllische Biotop scheint bedroht. Für einige Kreuzbergritter und -retter heißt der Feind BMW/Guggenheim, also Kunst im Verbund mit Kapital, während der Berliner Innensenator sofort „Chaoten“ am Werk sieht(…)Der Ruf Berlins als weltoffene, experimentierfreudige Metropole hat gelitten. Es tut weh. Es trifft alle.”

Und weiter:

“Es gibt auch Menschen in Berlin, die weder kreativ sein können noch wollen, die ein Lab für Gelaber halten. Aber Berlin ohne kulturelles, wissenschaftliches Potenzial, ohne verrückte Ideen, ohne Träumer und Visionäre, das wird nicht gut gehen. Das hat keine Tradition. Deshalb schmerzt die Guggenheim-Kreuzberg-Affäre: Weil die Stadt sich von einer hässlichen, feindseligen Seite zeigt. Penthouse und Tiefgarage sind noch keine Zukunft. Aber die liegt auch nicht auf zugemüllten Freiflächen und in kaputten Altbauten. Darüber muss man reden. So ein Lab ist nur ein Anfang.”

Da bleibt die Frage, in welcher Stadt Rüdiger Schaper lebt, oder ob es dann doch gleich eine ganze Flasche Grüner Veltliner wurde:

Aufwertung und Kommerzialisierung (und Kultursponsoring von Unternehmen ist kommerziellen Ursprungs) macht Berlin zu einem traurigen Ort aus Glasbauten und Parkhäusern, betonierten Ufern und Kiezen, die ihre Kraft verlieren, weil sie ihre Bewohnerinnen und Strukturen wie die subkulturelle Szene verloren haben. Kritische und wütende Anwohnerinnen sind nicht das Übel – vielleicht schädigen sie dem Standort-Image. Vielleicht will man das ja auch genau, um eine Entwicklung, an deren Ende die Verdrängung steht, zu verhindern.

Bald ist die Subkultur marginalisiert – gefördert wird sie schon lange nicht mehr wirklich, weil man sparen muss, und Investoren wollten Geld verdienen und nicht Kulturarbeit leisten.

Das raue Klima weht nicht aus der Richtung Kreuzberger Chaotinnen. Und auch ohne Lab und Champagner-Fete kann man und sollte man über Umstrukturierung diskutieren. Berlin ist ja gerade dabei.

Nur bleibt wenig Hoffnung, wenn Politik und bürgerliche Medien die wahren Probleme verkennen und glauben der Berlin-Boom und die optischen Veränderungen seien einfach nur toll, und wer nicht jubelt, ist reaktionär und gegen alles Neue.

Nur im Kapitalismus hat alles seinen Preis.Und meistens ist der zu hoch.

weiteres zum Thema:

*Die Berliner Zeitung hat einen recht objektiven Artikel für einen Überblick

*Zum empfehlen ist: Andrej Holm: “Wir bleiben alle! Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung” (unrast-Verlag, 2010)

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